#27 Zu Gast bei Taric in Bosnien

Die Nacht am Restaurant kurz vor der Grenze war ok, dennoch sind wir an diesem Morgen ein wenig hibbelig. In nur wenigen Fahrminuten sind wir in Bosnien & Herzegowina, ein Reiseland, auf das wir uns irgendwie besonders freuen. Auch Frieda scheint den Ernst der EU Außengrenze verstanden zu haben, ihr aufgeregtes Blinken der Warnblinkanlage vom Vorabend hat sie eingestellt. Die Grenze ist nicht spektakulär. An Schalter 1 verlassen wir die EU. An Schalter 2 bekommt unser Reisepass einen neuen Stempel – Herzlich Willkommen in Bosnien & Herzegowina. Wir halten Kurs Richtung Werkstatt, aber Frieda blinkt nicht mehr, also fahren wir den nächsten Supermarkt an und füllen unseren Kühlschrank auf. Nicht immer spürt man einen Länderwechsel. Manche Länder haben gefühlt einen fließenden Übergang. In diesem Land ist das nicht so. Die Häuser und Straßen haben sich verändert. Die Häuser sind selten verputzt, oft wurden die Steine nur blank aufeinandergesetzt. Die Straßen sind notdürftig geflickt. Auch der Supermarkt wirkt wie eine Kaufhalle aus vergangenen Zeiten. Es gibt alles, auch in großen Mengen, aber irgendwie ist das Sortiment anders. An der Gemüsetheke müssen wir zufrieden schmunzeln. Hier sieht Gemüse noch wie Gemüse aus. Krumm, schief, eingedrückt, matschig – nichts wirkt plastisch perfekt. Zum Glück haben wir vergessen uns einen Bosnisch Übersetzer aufs Smartphone zu laden, denn so helfen uns die Einheimischen mit Händen und Füßen die richtige Wiegenummer zu unserem Gemüse zu finden. Auf dem Parkplatz wird dann doch spürbar, wir sind an den EU Außengrenze. Syrische Flüchtlinge in Badelatschen versuchen ein paar Konvertible Mark (KM) zu erbetteln.

Unser erstes Ziel ist der Nationalpark Una im Norden von Bosnien & Herzegowina. Statt uns in Kroatien mit 15.000 anderen Besuchern bei Regen und Nebel durch den Nationalpark Plitvicer Seen für 15 Euro pro Person zu drängen, haben wir uns für die kleinere aber natürlichere Variante entschieden, den Una Nationalpark in Bosnien. Schon der Weg dorthin gefällt uns. In Kroatien führt der Weg am Nationalpark vorbei an Hotels, Restaurants und privaten Unterkünften. In Bosnien fahren wir über eine Schotterstraße am Fluss Una entlang, vorbei an einigen Häusern bis zum Parkeingang 3. Er ist der beliebteste Eingang, denn sein Highlight ist ein sehenswerter Wasserfall. Es ist zwar nur ein Wasserfall, aber den haben wir dafür ganz für uns allein. Als Besucher bezahlen wir am Eingang beim Ranger 7,00 KM pro Person. Bis 1998 war die KM an die DM im Verhältnis 1:1 gekoppelt und daher sind 1 Euro heute etwa 1,95 KM. Ein mehr als fairer Preis für das Naturschauspiel.

Es sind nur wenige Meter bis zum ersten Blick auf die Naturerscheinung und der beeindruckt. Der gesamte Weg führt auf einem Holzsteg entlang am Wasser. Immer wieder gibt es kleine Aussichtsplattform für einen hervorragenden Blick. Es nieselt, aber wir genießen es. Auch Juli ist heute irgendwie völlig aufgekratzt und hat im Nationalpark sichtlich ihren Spaß. Am Ende des Weges angekommen, wollen wir für ein letztes Foto am Wasser, eine Treppe hinunter. Trotz Jasmins Klammergriff am Treppengeländer zieht es ihr auf dem letzten Absatz die Füße weg. Sie bremst mit allen Gliedmaßen gleichermaßen. Erst nach fünf nassen Stufen kommt sie zum Halten. Dennoch posiert sie wie ein Profi vor der Kamera, nur muss das Lächeln dem Grummeln weichen. Po, Ellenbogen und Wirbelsäule schmerzen doch ein wenig. Das Grummeln mutiert zum Wutausbruch, als ihr auffällt, dass sie beim Sturz den Deckel des Kameraobjektives verloren hat. Schon zum zweiten Mal auf dieser Reise. Knurren und Schimpfen hilft nicht, der Deckel ist weg. Das Objektiv ist wieder den Gezeiten ausgesetzt. Für eine weitere Wanderung ist Jasmin nicht mehr zu begeistern. Ein Schokotörtchen am Auto ist das neue Ziel.

Der Weg zu unserer Übernachtung ist heute nicht weit. An diesem Abschnitt der Una stehen einige vereinzelte Häuser, deren Bewohner vom Tourismus leben. In unserer Übernachtungsapp haben wir von Talic Sefik gelesen. Ein freundlicher Bosnier, der seine Wiese an Camper vermietet, frische Forelle anbietet und ein toller Gastgeber sein soll. Auf dem Hinweg zum Nationalpark haben wir uns die einzelnen Häuser angeschaut, so viele Camps, es ist schon fast schwer zu entscheiden, wer heute ein Einkommen haben wird. Schweren Herzens bleiben wir bei der Empfehlung, rollen auf Talics Grundstück und werden von einem netten, älteren Herrn empfangen, der unser Auto gehört hat und direkt mit offenen Armen aus dem Haus kommt. Er schaut aufs Nummernschild und ruft „Ah, Hallo Deutschland!“ Hier sind wir offenbar richtig. Es dauert keine Minute und Talic hat zwei Schnapsgläser und selbstgebrannten Schliwowitz, einem Obstbrand aus Pflaumen, auf den Tisch gestellt. Und es dauert auch nicht lang bis Dominiks Glas ein zweites und ein drittes Mal gefüllt ist und hätte er nicht vehement die nächste Runde leicht angesäuselt abgelehnt, wäre es sicher auch noch häufiger gefüllt worden. Talic spricht gebrochen deutsch. Es genügt, um sich einige kleine Geschichten zu erzählen. Schon in den ersten Minuten lachen wir so viel und freuen uns über den gelungenen Einstieg in unsere Bosnien & Herzegowina Reise, genau so etwas hatten wir uns vom Land erhofft. Der Besitzer hat in Ljubljana Koch gelernt. Ein Zurückkehren in die Heimat war nach der Ausbildung nicht möglich, zuhause war Krieg. So hat er in den Folgejahren an den verschiedensten Orten gelebt und gearbeitet: Irak, Slowenien, Lybien und auch Deutschland. Anschließend kehrte er in seinen Heimatort zurück, der im Krieg komplett zerstört wurde. Bis heute baut er sein Haus Stück für Stück auf. Sobald ein wenig Geld übrig ist, investiert er es in seine Renovierung und baut wieder ein Stück weiter. Seine Frau hat das Land nur einmal verlassen. Sie hat ihre Verwandtschaft in Köln besucht. Zwei Wochen wollte sie bleiben, nach 3 Tagen reiste sie trotz 25 Stunden Busfahrt wieder nach Hause. Zu viele Menschen und so viel Licht, rund um die Uhr.

Stolz erzählt Taric von seinen Stammgästen aus Tschechien, die seit 19 Jahren zu ihm kommen, eine Reiseagentur die Rafting-Touren anbietet und dann in seinem Camp übernachtet. Die Tschechienflagge an seinem Balkon zeigt die Treue und Verbundenheit mit seinen Gästen. Er zeigt uns einen Brief und ein Foto von einem deutschen Pärchen mit selbstausgebautem Camper in unserem Alter. Früher hat er häufiger von Gästen Post bekommen, aber das wird weniger. Er erzählt von einer „Oma“ 80 Jahre alt, die mit ihrem Sohn jedes Jahr zum Schliwowitz Brennen anreist. Zwei Wochen lang wird Tag und Nacht aus Pflaumen Schnaps hergestellt. Nur „Oma“ legt sich nachts mal für eine Stunde hin. Oma fährt auch nicht mehr Auto. Sie ist ja schon 80. Aber ihr Sohn, der fährt dann. Und so zieht der Nachmittag mit kleinen Anekdoten ins Land.

Er erzählt von den einzelnen Nationen, die ihn besuchen und berichtet strahlend, dass Europäer gute Gäste sind. Denen macht er einen guten Preis. Er weiß Deutsche lieben Kaffee und Kuchen und sind immer pünktlich. Auf die ist Verlass. Bestellen sie ein Forrellenessen zu 18:00 Uhr, sind sie auch pünktlich um 18:00 aus dem Nationalpark zurück. Mit Arabern hat er gelinde gesagt keine guten Erfahrungen gemacht. Sie wollen nur probieren, verhandeln jeden Preis und wollen nicht viel bezahlen. Er weiß einige Geschichten zu erzählen bei denen sie als nicht sonderlich gute Gäste abschneiden. Nur Araber aus Dubai, die sind korrekte Leute und nimmt er gerne auf. Wir sind überrascht, denn Bosnien & Herzegowina soll ein beliebtes Reiseland bei Arabern sein, damit hatten wir nicht gerechnet. Und während wir darüber sprechen fahren vereinzelt aus Richtung Nationalpark Autos vorbei und tatsächlich sind es meist Araber. Schweizer sind eher knauserig. Die campen nur, aber essen nichts, die haben alles selbst dabei. Sie schmieren morgens Brote und abends kochen sie selbst. Spätestens jetzt ist uns klar, dass es für uns heute Abend wohl Forelle gibt.

Talic ist der geborene Verkäufer, aber stets herzlich dabei. Er gibt uns das Gefühl willkommen zu sein. Stolz zeigt er seine Feuerstelle, berichtet vom frisch gebackenen Kuchen seiner Frau und zeigt uns den vollen Kühlschrank mit kalten Getränken. Im Gegensatz zu seinen Nachbar-Anbietern hat er sogar WIFI, eine Toilette und Dusche, aber aktuell gibt es kaum Wasser. Die fehlende Dusche stört uns nicht, wir campen unter seinen Obstbäumen in absoluter grüner Idylle. Mehr brauchen wir nicht. Um 17:00 gibt es Abendessen, sonst ist es zu dunkel und Taric sieht am Grill nichts mehr. Wir schauen ihm beim Anbraten über die Schulter. Für Dominik gibt es frische Forelle mit Pommes und Jasmin, die keinen Fisch mag, bekommt Cevapcici in selbst gebackenem Brot mit Zwiebeln. Klingt einfach, ist unfassbar lecker. Wir haben jeden Bissen genossen. Und natürlich lässt es sich seine Frau nicht nehmen uns ein Stückchen Apfelkuchen zu servieren, der sehr gut und fast wie ein Strudel schmeckt. Taric leistet uns beim Essen Gesellschaft. Unverblümt berichtet er uns was Bosnier verdienen und welche Kosten sie haben. Ein Kellner erhält bspw. monatlich 700 KM. Das sind circa 350 Euro im Monat. Auch wenn wir nicht herausbekommen was eine Wohnung an Miete kostet, so haben wir doch die Preise im Supermarkt gesehen. Arbeitslosengeld gibt es nicht. Einen Job zu finden ist nicht leicht. Uns wird schnell klar, hier wird gearbeitet, um das Nötigste an Lebensunterhalt zu verdienen. Urlaub kennt Taric nicht. Umso mehr ärgern uns seine Geschichten von dreisten Touristen, die Essen bestellen oder ganze Flaschen Schliwowitz trinken und nicht bezahlen. Erst einen Tag zuvor haben vier Österreicher auf dem Hinweg zum Nationalpark vier Bier getrunken und Forelle für den Abend bestellt. Ein paar Stunden später konnten Taric und seine Frau nur noch zusehen wie das Auto der Österreicher an ihnen vorbei brauste. Ohne das Bier zu bezahlen. Ohne die bestellte Forelle zu essen.

Wir schlafen himmlisch in der absoluten Stille unter den Obstbäumen, spazieren am Morgen mit Juli an der Una entlang und müssen uns gegen freilaufende Hofhunde mit Regenschirmen verteidigen, frühstücken ausgelassen und verabschieden uns von Taric. Bosnier haben keine Scheu vor Körperkontakt, auf eine herzliche Art. Taric legt wiederholt den Arm um uns und bedankt sich strahlend für unseren Besuch. Natürlich fahren wir nicht ohne eine Flasche Schliwowitz. Taric lacht. „Deutsche kaufen immer Schnaps und Honig.“ Wir bleiben beim Schnaps, als wir die Flaschengröße sehen. 1 Liter abgefüllt und versigelt in einer Weinflasche. Wir zahlen 35 Euro für unsere Übernachtung inklusive Essen, Getränken und Schliwowitz für zuhause, aber wert war es weit aus mehr.